Rücken oder Psyche (3)?

Burnout-Anzeichen weisen uns darauf hin, dass die Abwärtsspirale in Gang gesetzt ist. Aber wie kommt es überhaupt dazu? Wenn wir das wüssten, könnten wir über Maßnahmen nachdenken, die die Gefahr von vornherein verringern. Hier stellen wir einen Erklärungsansatz vor, der Anregungen gibt, was Unternehmen tun können.

Burnout: Mögliche Ursachen

Matthias Burisch vermutet in seinem Buch „Das Burnout-Syndrom“, dass Burnout-Betroffene besonders häufig oder besonders stark „gestörte Handlungsepisoden“ erleben und diese dann zu häufig nicht konstruktiv bewältigen können. Klingt kompliziert? Ist es eigentlich gar nicht:

In einer Handlungsepisode versuchen Sie von einem Ist-Zustand zu einem Soll-Zustand zu gelangen. Wenn alles gut geht, entwerfen Sie eine Strategie, wie Sie dort hinkommen, setzen diese um und erreichen Ihr Ziel schließlich. Die Konsequenzen entpuppen sich als erwartungsgemäß angenehm, Sie können zufrieden zurückblicken und Ihr Weltbild wird bestätigt. Das ist eine ungestörte Handlungsepisode. Das Leben erscheint kontrollierbar.

Jeder Projektmanager weiß, dass es so nicht immer läuft. Er braucht nur seine ursprünglichen Pläne mit dem tatsächlichen Verlauf des Projekts zu vergleichen. Burisch nennt vier typische Störfälle:

  • „Zielvereitelung,
  • Zielerschwerung,
  • Ausbleiben der Belohnung,
  • negative Nebenwirkungen.“ (S. 162)

Im Fall der Zielvereitelung stellt sich unterwegs ein so starkes Hindernis ein, dass das Ziel aufgegeben werden muss. Das ist natürlich schmerzlich. Der Betroffene hat schließlich bereits Energie, Zeit und Geld investiert. Dazu kommt die frustrierende Erfahrung, dass er nur begrenzten Einfluss hat. Wenn eine Mutter alles minutiös durchorganisiert hat und dann Kind und Tagesmutter gleichzeitig krank werden, schafft sie es womöglich doch nicht pünktlich und entspannt zu ihrer wichtigen Präsentation. Vielleicht sogar gar nicht.

Bei der Zielerschwerung kann der Betroffene das Hindernis überwinden und erreicht sein Ziel. Aufwand und Nutzen stehen aber in einem so krassen Missverhältnis, dass es sich rückblickend einfach nicht gelohnt hat. Vielleicht hätte er wegen des Pilotenstreiks doch auf den Urlaub verzichten sollen, statt privat eine Maschine zu chartern und sich nun kein Essen mehr leisten zu können.

Zielvereitelung und -erschwerung häufen sich natürlich bei steigenden Ansprüchen. Ein Beispiel dafür ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Viele Frauen wollen zusätzlich zu ihren bisherigen Rollen die Berufsrolle umfassend und karriereorientiert ausfüllen. Viele Männer wollen sich zusätzlich stärker für die Familie engagieren, ohne das berufliche Engagement zu verändern. Anstatt tatsächlich Rollenbilder umzuwandeln, packen wir immer mehr hinein.

Selbst wenn das Ziel erreicht wird, müssen die Konsequenzen nicht befriedigend sein. Wechselt jemand erfolgreich seinen Arbeitsplatz und erhofft sich davon, den Ärger mit den Kollegen endlich los zu sein, ist es frustrierend, wenn er im neuen Unternehmen nach kurzer Zeit den gleichen Ärger hat. Die erwartete Belohnung ist ausgeblieben.

Wer in eine Führungsposition gelangt, die er angestrebt hat, kann den ersehnten Gestaltungsspielraum mitsamt der passenden Entlohnung haben, zugleich aber von der negativen Reaktion ehemaliger Kollegen kalt erwischt werden. Das gute, kumpelhafte Miteinander ist plötzlich nicht mehr möglich – negative Nebenwirkungen.

Nicht mehr im Griff

In all diesen Fällen verlieren wir ein Stück Autonomie: Wir haben die Dinge nicht wie geplant unter Kontrolle. Zum Glück haben wir eine ganze Reihe von Bewältigungsmethoden, um damit meistens umgehen zu können.

Problematisch wird es aber, wenn schon die nächsten drei Feuer gelöscht werden müssen, bevor die letzte Episode verarbeitet werden konnte oder wenn das Weltbild so stark erschüttert wird, dass quasi alles in Frage gestellt wird.

Warum diese Probleme heute so gehäuft auftreten, wird dadurch noch nicht erklärt. Markus Väth beleuchtet in seinem Buch „Feierabend hab ich, wenn ich tot bin“ auch die kulturelle, gesellschaftliche Seite des Phänomens Burnout. Wir benutzen für unseren Artikel in der nächsten Woche den hier beschriebenen Ansatz und fragen uns: Was kann denn das Unternehmen dann tun, damit das nicht so oft passiert?

 

Lydia Girndt

 

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