Rücken oder Psyche (2)?

Auch wer kein Experte ist, sollte als Führungskraft oder Berater und Coach Anzeichen für Burnout erkennen. Wie unerträglich es ist, da zu spät entgegenzuwirken, haben wir bereits erläutert. Hier sehen wir uns nun Kernsymptome und Entwicklung dieses Phänomens an, um die Augen offen halten zu können.

Burnout: Kernsymptome

Ideal wäre es natürlich, ein Burnout zu erkennen, bevor es voll zugeschlagen hat, also bevor der Mitarbeiter ausfällt. Dann lässt sich der Zusammenbruch vielleicht noch vermeiden. Dazu müssen wir uns klarmachen, wie ein Burnout überhaupt aussieht.

Matthias Burisch hat in seinem Buch „Das Burnout-Syndrom – Die Theorie der inneren Erschöpfung“ drei Kernsymptome genannt, die als allgemein anerkannt gelten, weil sie standardmäßig gemessen werden:

  • Emotionale Erschöpfung
  • Depersonalisation (Distanzierung von anderen)
  • Leistungsunzufriedenheit

Er selbst bezeichnet Burnout als einen Prozess, in dem der Betroffene „mehr oder weniger weit fortgeschritten“ (S. 16) ist. Es ist also schwierig, den ‚richtigen’ Zeitpunkt zu treffen, an dem sich sagen lässt: „Jetzt hat er es!“. Macht nichts, das können wir getrost den Ärzten überlassen. Hier geht es vielmehr darum, die frühen Warnzeichen wahr- und ernst zu nehmen.

Jetzt bring ich noch mehr Einsatz!

Gunther Schmidt betonte in seinem Vortrag bei den Petersberger Trainertagen 2011, dass die Burnout-Patienten in seiner Klinik keine minderbemittelten, ressourcenarmen Menschen seien. Vielmehr seien es Leute, die mit hohem Engagement ihre Fähigkeiten eingebracht haben. Es sei also immer noch davon auszugehen, dass sie voller Ressourcen steckten.

Dementsprechend reagieren sie laut Burisch am Anfang auch, wenn die Arbeit aus dem Ruder zu laufen droht: Sie erhöhen ihren Energieeinsatz und versuchen, alles wieder in den Griff zu bekommen. Dafür arbeiten sie mehr, fühlen sich immer unentbehrlicher, beschränken ihre sozialen Kontakte auf Kunden, etc. Zugleich machen sich erste Erschöpfungsanzeichen breit: Sie spüren einen Mangel an Energie und können nach der Arbeit nicht mehr abschalten.

NACH DER ARBEIT NICHT MEHR ABSCHALTEN ZU KÖNNEN, IST EIN ERNST ZU NEHMENDES WARNSIGNAL!

Für Arbeitgeber, Führungskräfte und Kollegen ist das schwierig: Sie sollen etwas als Gefahr erkennen, was normalerweise gerade die Besten auszeichnet: hohes Engagement. Wo ist die Grenze zwischen hohem und überhöhtem Engagement? Es gibt nun einmal Phasen erhöhter Arbeitsanforderungen, in denen man ein höheres Engagement von allen braucht als sonst. Um den Burnout-Prozess schon am Anfang zu erkennen, muss man sehr genau hinsehen und -hören. Dazu sind die meisten in Spitzenphasen leider zu sehr mit sich selbst und ihren Aufgaben beschäftigt.

Wenn es öfter vorkommt, dass die E-Mails von einem Kollegen gegen 02:00 Uhr abgeschickt werden und die nächsten schon wieder um 06:30 Uhr kommen, ist die Frage berechtigt, wann dieser eigentlich schläft. Auch scherzhaft gesprochene Bemerkungen, dass die Kinder bald ihre Mama oder ihren Papa nicht mehr erkennen, sollten Ihre Alarmglocke zum Läuten bringen. Oder eine Häufung von Nebensätzen wie „Wenn man nicht alles selbst macht, …“.

Es bringt ja alles nichts …

Auf den überhöhten Einsatz folgt laut Burisch ein reduziertes Engagement. Der Betroffene geht auf Distanz zu Kunden und Kollegen, ist im Kontakt wenig aufmerksam und neigt zu Stereotypisierungen. „Es gibt eben High Performer und Low Performer und wir haben mehr von den Letzten“ ist so ein Satz, über den der Zuhörer stolpern sollte, insbesondere, wenn er eine solche Einstellung von seinem Gegenüber nicht gewohnt ist.

Damit einher gehen häufig ein Mangel an Empathie, zynische Bemerkungen und Verkürzung der Arbeitszeit bei gleichzeitiger Erhöhung der Ansprüche an die materielle und ideelle Anerkennung durch andere. Das Engagement wird also zurückgeschraubt. Man lässt die Dinge und Personen weniger an sich heran und verbringt auch weniger Zeit mit allem Beruflichen. Die Befriedigung kann dementsprechend weniger in der Tätigkeit selbst liegen und wird stärker in der Anerkennung gesucht. Die Arbeit ist nicht mehr Erfüllung, sondern ein Opfer, für das es Lob und ‚Schmerzensgeld’ geben muss – wofür tut man sich das sonst noch an?

Eine Abwärtsspirale

Der nächste Schritt sind emotionale Reaktionen, die in die depressive oder aggressive Richtung gehen können, zum Beispiel Humorlosigkeit und Ohnmachtsgefühle oder Misstrauen, häufige Konflikte und jede Menge Vorwürfe.

Verfolgt man die Spirale in den Abgrund weiter, so geht es von einem Abbau von Motivation, kognitiver Leistungsfähigkeit, Kreativität und Differenzierungsfähigkeit über eine Verflachung des emotionalen, sozialen und geistigen Lebens, über psychosomatische Reaktionen schließlich in die Verzweiflung. Nachzulesen ist die komplette Symptom-Synopse bei Burisch auf S. 25f.

Eigentlich müsste die Veränderung also auffallen, bevor die Krankmeldung kommt. Vielleicht sind die Kollegen aber wirklich zu sehr mit sich selbst beschäftigt oder sie wissen einfach nicht, was sie tun sollen. Und das ist die spannende Frage: Was kann das Unternehmen tun?

Um dazu Ideen zu entwickeln, lohnt sich der Umweg über die möglichen Ursachen für die Dynamik von Burnout, die wir nächste Woche betrachten.

Hören und sehen Sie hin. Beobachten Sie bei Ihren Kollegen und Mitarbeitern solche Veränderungen?

 

Lydia Girndt

 

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