Gesundheit! Was dürfen kranke Mitarbeiter?

Stellen Sie sich folgende Szene vor: Ihr Team kann sich vor Arbeit kaum retten, die Termine drücken, die Kunden sind nervös und dann fallen auch noch zwei Mitarbeiter wegen Krankheit aus. Die Übrigen gehen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit, die Stimmung sinkt, die Anspannung steigt. Ihnen ist klar: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es den Nächsten erwischt. Hoffentlich ist dann wenigstens einer von den anderen beiden zurück.

Dann kommt der Klopfer: Mitarbeiter A erzählt, er habe den kranken Kollegen B gestern beim Einkaufen gesehen und der sei ganz rot angelaufen. Darf der da herumlaufen? Wenn ein Arbeitnehmer krank geschrieben ist, muss er dann nicht zuhause bleiben? Darf ein arbeitsunfähiger Arbeitnehmer trotz bestehender Krankheit einkaufen gehen? Viele Arbeitgeber und Arbeitnehmer gehen davon aus, dass das nicht erlaubt ist und der Arbeitnehmer das Haus höchstens verlassen darf, um seinen Arzt aufzusuchen. Deshalb entstehen manche Zweifel auf Arbeitgeberseite und bei vielen Arbeitnehmern, wie in unserem Beispiel, ein schlechtes Gewissen. Aber ist das nötig?

Entscheidend ist die Diagnose …

Zunächst kommt es darauf an, weshalb der Arbeitnehmer arbeitsunfähig geschrieben ist. Wir benutzen hier bewusst den Begriff ‚arbeitsunfähig‘, denn der sagt schon etwas Wichtiges aus: Er ist vorübergehend nicht in der Lage, seine Arbeit auszuüben. Wenn er einer Bürotätigkeit nachgeht und wegen einer Verletzung an der linken Hand ausfällt, spricht sicher nichts dagegen, wenn er einkaufen geht oder auch einen Spaziergang macht. Er muss aber in jedem Fall darauf achten, dass er die Heilung nicht verzögert. Dazu kann Bettruhe die beste Lösung sein, oder auch ein Spaziergang in der frischen Luft. Das hängt eben von der Erkrankung ab.

… und nach der Diagnose dürfen Sie nicht fragen

Das Dilemma für den Arbeitgeber ist, dass er die Diagnose nicht erfragen darf, weil sie ihn schlicht nichts angeht. Es gibt ein Urteil des Arbeitsgerichtes Stuttgart, in dem einem Lageristen bestätigt wurde, dass er während seiner Krankheit, einer Verletzung des Schulterblattes nach einem Fahrradunfall, an Marathonläufen teilnehmen durfte. Er hatte allerdings vor jedem Lauf seinen Arzt konsultiert und sich bestätigen lassen, dass es keine Bedenken gegen seine Teilnahme gebe und der Heilungserfolg nicht verzögert werde. (ArbG Stuttgart, Az. 9 Ca 475/06 v. 22.03.2007).

Auf die Kommunikation kommt es an

Wenn der Arbeitnehmer also Zweifel hat, kann er seinen Arzt befragen und sich genaue Verhaltensrichtlinien geben lassen.Er ist allerdings in diesem Falle gut beraten, wenn er seinen Arbeitgeber zumindest darüber informiert, was der Arzt ihm erlaubt hat, am Besten, bevor er gesehen und auf Aktivitäten angesprochen wird. Tut er dies, spricht nichts dagegen, das Haus zu verlassen und sich draußen aufzuhalten. Er kann dies auch ohne die Information des Arbeitgebers tun, läuft dann aber Gefahr, Misstrauen zu wecken und Zweifel an der Arbeitsunfähigkeit, auch bei seinen Kollegen.

Der gleiche Maßstab gilt auch für Nebentätigkeiten. Solange sie den Heilungserfolg nicht gefährden, spricht nichts dagegen. Unter Umständen ist es hier schwerer zu erklären, warum die Nebentätigkeit geht, wenn die Haupttätigkeit nicht geht. Eine schlechter Geschmack bleibt dabei zurück und die Atmosphäre wird getrübt. Wenn durch eine Nebentätigkeit der Heilungsprozess verzögert wird, ist das auf jeden Fall ein Verstoß gegen die Rücksichtspflicht, die der Arbeitnehmer aus dem Arbeitsvertrag hat. Dies hat das Bundesarbeitsgericht festgestellt (BAG, Az. 2 AZR 154/93 v. 26.08.1993).

Recht und Vertrauen

Sich rechtlich korrekt zu verhalten, ist nur das Mindestmaß. Wie immer ist es also auch hier das Beste, miteinander zu reden und sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten. Dann muss der Arbeitnehmer kein schlechtes Gewissen haben und der Arbeitgeber muss sich nicht in Vermutungen hineinsteigern und sich unnötig ärgern. Der Mitarbeiter kann Energie besser ins Gesundwerden stecken und der Chef in die möglichst elegante Kompensation der Lücke.

Wie gehen Sie mit dem Thema Krankheit um?

 

Lydia Girndt

 

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