Was ist Mobbing?

Keine Lösung: Mobbing

Werden Konflikte nicht konstruktiv geklärt, können sie in Mobbing münden. Konflikte sind nicht komplett vermeidbar, Mobbing muss vermieden werden. Egal, was die Ursache ist. Aus der Überzeugung heraus, dass das Thema angegangen werden muss, wenn es auftritt, greifen wir es hier auf, ohne selbst dafür Experten zu sein. Zunächst die Frage: Was ist Mobbing und warum ist das Thema für Führungskräfte so wichtig?

Was ist Mobbing?

Der Begriff ‚Mobbing’ wurde in den letzten Jahren ähnlich inflationär gebraucht wie ‚Stress’, ‚Burnout’ und andere Modebegriffe. Es besteht die Gefahr, dass tatsächliches Mobbing nicht ernst genommen wird, nach dem Motto ‚Ach, du wirst gemobbt? Meine S-Bahn mobbt mich jeden Tag!’.

Was ist wirklich Mobbing? Um Mobbing handelt es sich dann, wenn eine Person systematisch, oft und über einen längeren Zeitraum direkt oder indirekt angegriffen wird. Das bewusste Ziel ist es dabei, die Person ‚fertig zu machen‘. Eine Beleidigung aus einer schlechten Laune heraus ist also noch kein Mobbing. Systematik und Dauerhaftigkeit fehlen. Mehrfaches Übergehen einer Person aus Unachtsamkeit ist noch kein Mobbing, solange es nicht das Ziel ist, dieser Person zu schaden. Ein zu klärender Konflikt kann das aber durchaus sein. Auch die Konfrontation einer Person mit ihrem Fehlverhalten ist kein Mobbing, wenn das Ziel ein verändertes Verhalten ist. Ganz im Gegenteil: Das ist eine Führungsaufgabe. Dauernde unberechtigte Anschuldigungen mit dem Ziel der Zermürbung wiederum sind Mobbinghandlungen.

Es gibt Definitionen, die den Mobbingbegriff enger fassen. Der Begriff greift dann beispielsweise erst, wenn die (Mobbing-) Handlungen mindestens über ein halbes Jahr hinweg wenigstens ein Mal in der Woche auftauchen. Solche verschärften Definitionen sind aber vor allem für die Forschung wichtig, damit nur Mobbing-Opfer ausgewählt werden, die auch ganz sicher welche sind.

Im Gegensatz zum Konflikt gibt es beim Mobbing nicht zwei annähernd gleich starke Parteien und einen offenen Ausgang, sondern Täter und Opfer. Die Täter haben die Deutungshoheit. Egal, wie das Opfer sich verhält, es lässt sich immer als Beweis seiner Unfähigkeit oder anderer Schwächen auslegen. Ein Mobbingopfer hat deshalb wenig Chancen, alleine wieder aus dieser Rolle herauszukommen. Beim Mobbing bleibt der mögliche Konflikt im Hintergrund, als Problem wird die angegriffene Person ins Zentrum gerückt: „Der Herr Müller, der ist das Problem hier.“ Das ist praktisch. Wenn man festgestellt hat, wer das Problem ist, dann kann man es (beziehungsweise ihn) bekämpfen und braucht sich nicht mehr an die eigene Nase zu fassen.

Bedeutung von Mobbing

Warum Mobbing ein Thema für Unternehmer ist, ist schnell beantwortet: Erstens senkt es Produktivität und Qualität. Es kommt das Unternehmen teuer zu stehen. Die Produktivität wird eingeschränkt, weil das Opfer immer häufiger und länger fehlt, weil die Mobbingaktionen Zeit und Energie kosten, weil das Betriebsklima sich verschlechtert und es demotiviert. Auch die Mobbing-Handlung selbst führt oft dazu, dass das Mobbing-Opfer seiner Arbeit nicht mehr nachgehen kann, beispielsweise wenn Informationen vorenthalten werden, sinnlose Aufgaben vergeben werden oder Rückmeldungen ausschließlich negativ sind und keine Chance zur Verbesserung bieten. Die Kosten, die durch Mobbing entstehen, lassen sich selten eindeutig und ausschließlich dem Mobbing zuordnen. Wir haben Schätzungen zwischen 15.000 und 50.000 Euro pro Mobbing-Opfer und Jahr gesehen. Konstruktive Konfliktklärung ist kostengünstiger.

Zweitens verändert Mobbing Persönlichkeiten. Auch Mitarbeiter mit den besten Voraussetzungen entwickeln sich durch Mobbing zu schwierigen Mitarbeitern – häufig mit ständiger Verteidigungshaltung. Es gibt mehr psychosozial bedingte ‚tödliche Arbeitsunfälle‘ (Selbstmorde) als andere tödliche Arbeitsunfälle. Die persönlichen Folgen von Mobbing sind von Person zu Person verschieden. Vor allem ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein und gute persönliche Ressourcen können die Folgen von Mobbing lange unterdrücken. Doch niemand kann gegen andauernde Angriffe langfristig immun sein. Mobbing-Opfer ziehen sich zurück, haben das Gefühl, ihre Situation nicht mehr unter Kontrolle zu haben – hilflos und ohne Unterstützung. Häufig entstehen hieraus Depressionen, Angstzustände, Schlafstörungen, Essstörungen, Suchterkrankungen oder auch Magengeschwüre, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder psychosomatische Schmerzen. Mobbing-Handlungen haben darüber hinaus Auswirkungen auch auf den privaten Bereich des Opfers. Wer am Abend völlig erschlagen nach Hause kommt oder unter chronischen Schmerzen leidet, kann sich seiner Familie, seinem Freundeskreis und seinen Hobbys nicht in gewohnter Weise widmen. Der Verlust des Freundeskreises, Eheprobleme und das damit verbundene Wegbrechen persönlicher Ressourcen schwächen in dem Fall das Mobbing-Opfer zusätzlich.

Abgesehen davon, dass Führungskräfte eine Fürsorge-Pflicht haben, haben die meisten von ihnen unserer Erfahrung nach auch hohe ethische Ansprüche, zu denen es nicht passt, eine solche Entwicklung zuzulassen.

Drittens erhöht Mobbing die Fluktuation. Nicht nur Mobbing-Opfer haben eine Tendenz, das Unternehmen zu verlassen. Auch Kollegen, die sich eine konstruktive Kultur wünschen, sehen sich leicht nach anderen Möglichkeiten um.

Genug Gründe also, sich das Thema etwas genauer anzusehen. Bevor wir das tun, sind Sie dran: Sehen sie sich an Ihrem Arbeitsplatz um. Gibt es dort Mobbing-Tendenzen?

 

Lydia Girndt

 

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