Präferenzprofile – Konfliktpotenzial Unterschiedlichkeit (3)

Warum nerven die anderen so? Das Riemann-Thomann-Modell, das wir letzte Woche vorgestellt haben, bietet nur einen möglichen Erklärungsansatz. Einen weiteren Ansatz bieten Präferenzprofile, die die individuelle Kombination aus Neigungen darstellen.

Auf Basis der Theorien von Carl Gustav Jung wurden sowohl der „MBTI“ (Myer-Briggs-Type-Indicator) als auch der „GPOP“ (Golden Profiler of Personality) entwickelt: Zwei ‚Tests’, die das persönliche Präferenzprofil beschreiben wollen. Uns interessiert auch in diesem Fall nur die Nützlichkeit der beschriebenen Dimensionen zur Selbstreflexion und gegenseitigem Feedback. Wer sich mit der Nachvollziehbarkeit der zugrunde liegenden Theorie oder mit der Validität der Tests beschäftigen möchte, dem sei die originale Literatur hierzu empfohlen.

4 Grundfragen

Wir beschreiben hier lediglich die vier Grunddimensionen, die sich auf die Fragen beziehen
•    Wohin orientiere ich mich und woher beziehe ich meine Energie?
•    Wie nehme ich wahr?
•    Wie entscheide ich?
•    Wie setze ich meine Entscheidungen um?

Wir bewegen uns auf den vier Dimensionen zwischen zwei Polen, von denen wir einen mehr oder minder stark bevorzugen. Wichtig ist: Wir können auch die Dinge tun, die nicht unseren Präferenzen entsprechen, wenn wir – zumindest anfänglich – mehr Zeit, Energie und Disziplin aufwenden.

Strandhotel oder einsame Insel?

Ein stärker extravertierter Mensch (E) ist nach außen orientiert. Von dort bezieht er seine Energie, im Kontakt zu anderen blüht er auf, er braucht die Reize seiner Umgebung, um sich wohlzufühlen. Er ist meist gesellig, redselig in großer Runde und sucht und braucht die Anerkennung von anderen. Der Introvertierte (I) ist nach innen orientiert. Aus seinem reichen Innenleben schöpft er Kraft. Zu viele zusätzliche Außenreize empfindet er deshalb als anstrengend. Seinen eigenen Ansprüchen zu genügen ist ihm wichtiger als die Anerkennung von außen zu bekommen. Er zieht den kleinen Kreis enger Freunde den großen Gesellschaften und Partys vor. Während er den Extravertierten als nervtötend oberflächlich empfinden kann, deklariert dieser ihn als zu reserviert, verschlossen und langweilig.

Wald oder Bäume?

Wer bevorzugt mit seinen fünf Sinnen wahrnimmt (S), konzentriert sich auf Fakten und Details. Er kann ein Gerät nach Betrachtung in allen Einzelheiten und Abmessungen beschreiben. Er sieht den einzelnen Baum, nicht unbedingt den Wald und geht in seiner Erkundung schrittweise und systematisch vor. Der intuitiv Wahrnehmende (N) überspringt gerne Schritte, erkennt eher Muster und Möglichkeiten als Details und sieht vor lauter Wald die einzelnen Bäume nicht. Er hat Ideen, wozu man ein Gerät zweckentfremden könnte und mag Theorien. Gebrauchsanweisungen hält er für völlig überflüssig. Während ein Mensch mit intuitiver Wahrnehmung sich gedanklich eher in der Zukunft bewegt, steht derjenige, der sich auf seine Sinne konzentriert, eher im Hier und Jetzt. Diese beiden Extreme sind besonders gefährdet, in einen Methodenkonflikt zu geraten.

Kopf oder Herz?

Analytische Entscheider basieren ihre Entscheidungen auf Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien (Thinking – T). Sie denken in Kategorien von sachlich richtig und falsch. Wenn es betriebswirtschaftlich sinnvoll und möglich ist, den Wettbewerber aus der Nachbarschaft aus dem Markt zu drängen, setzten sie das mit hoher Wahrscheinlichkeit um. Es mag ihnen leid tun, aber entscheidungsrelevant ist das nicht. Der wertorientierte Entscheider (Feeling – F) zieht gegebenenfalls in Betracht, dass die beiden Gründer befreundet waren, dass nicht alle Mitarbeiter übernommen werden können und dass das Image in der Region beschädigt werden könnte. Dann wird er diesen Schritt erst gehen, wenn er notwendig ist. Konfliktpotenzial zwischen den zwei Polen liegt auch darin, dass der analytische Mensch genauer auf Fehler guckt, die der andere eher übersieht, weil ihm das Gesamtergebnis gefällt. Der Analytiker wirkt auf den Wertorientierten eher kühl, weil er die Dinge von außen betrachtet, während der Wertorientierte dem Analytiker überemotional erscheint, weil er sich in Situationen und Personen hineinversetzt.

Klassik oder Jazz?

Wer strukturorientiert handelt, macht Pläne entsprechend seiner einmal getroffenen Entscheidung (Judging – J) und hält sich an sie. Wichtig ist für ihn, ans Ziel zu kommen. Er mag klare Abläufe und klare Kategorien, ein geregeltes Leben und abgeschlossene Aufgaben. Der Wahrnehmungsorientierte (Perceiving – P) bevorzugt es, offen zu bleiben für neue Möglichkeiten. Er ist spontan und richtet sich nach dem Prozess und der Situation. Wenn die Agenda nicht dazu passt, wird sie halt geändert.

Aus den Kombinationsmöglichkeiten der vier Neigungen oder Präferenzen ergeben sich 16 möglich Präferenzprofile (z. B. INFP), die in der vertiefenden Literatur ausführlich erklärt werden. Als Beispiel sei ‚Sich und andere verstehen‘ von Rainer Blank und Richard Bents erwähnt.

Im Zusammenhang mit Konflikten sind die vier Dimensionen eine weitere Möglichkeit, den Ursachen für das gegenseitige Unverständnis auf die Spur zu kommen. Da kommt es schon einmal vor, dass ein Teammitglied einsehen muss: Mein wahrnehmungsorientiertes Handeln ist zwar sehr kreativ, aber um teamfähig zu sein, muss ich an manchen Stellen die Energie und Zeit aufbringen, strukturierter vorzugehen.

 

Lydia Girndt

 

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