Nur ich bin normal – Konfliktpotenzial Unterschiedlichkeit (1)

Ein naheliegender Maßstab

Die Beziehung zwischen Menschen spielt in den meisten Konflikten eine entscheidende Rolle. Sie ist – wie schon beschrieben – häufig eine der Ursachen und sie wird in jedem Fall durch den Konflikt beeinflusst. „Überall, wo Menschen miteinander schaffen, machen sie sich über kurz oder lang auch zu schaffen“, stellt C. Thomann in „Klärungshilfe 2. Konflikte im Beruf “ treffend fest. Warum machen sich Menschen das Leben gegenseitig so schwer?

Menschen sind verschieden. Sie unterscheiden sich nicht nur durch ihr Äußeres, sondern auch durch das, was sie fühlen, wie sie wahrnehmen und urteilen und in der Art, wie sie mit ihren Mitmenschen umgehen. Wir wissen das und können es uns trotzdem schwer vorstellen. Der andere erscheint einem leicht komisch, unerklärlich und unnormal.

Um spontan miteinander umgehen zu können, müssen wir einander einschätzen. Dazu brauchen wir einen Maßstab und der unmittelbar naheliegende Maßstab ist noch immer man selbst. Wir deklarieren kurzerhand unser eigenes Verhalten und Erleben als ‚normal’ und sortieren das der anderen auf einem Kontinuum von ‚etwas seltsam’ bis ‚abartig’ ein. Wer seinen Schreibtisch ordentlicher hinterlässt als man selbst, ist, je nach Differenz, ‚leicht penibel’ bis ‚zwanghaft’. Wer dagegen seinen Schreibtisch unordentlicher hinterlässt, bekommt ein Etikett zwischen ‚leicht chaotisch’ und ‚Messie’.

Gibt es sinnvolle Alternativen zu diesem reichlich egozentrischen Weltbild? Sorgfältig eingesetzt, können verschiedene ‚Typologien’ und Modelle die Perspektive aufeinander und auf sich selbst erweitern.

Nutzen und Grenzen von Modellen

Wir sind begeisterte Modell-Nutzer. Der Einsatz von Modellen zur Selbstreflexion und zum gegenseitigen Feedback führt immer wieder dazu, dass Teammitglieder einander plötzlich mit anderen Augen sehen, Unterschiedlichkeiten, Macken und Stärken klarer aussprechen und akzeptieren können – und sogar herzlich darüber lachen können.

Aber halt: Um das Verhalten, das Erleben und die Persönlichkeiten von Menschen beschreibbar und handhabbar zu machen, muss man die Komplexität reduzieren. Radikal. Genau das machen Modelle. Das ist ihr großartiger Nutzen und ihr gefährlicher Nachteil. Sie verführen zu der Annahme, den anderen durchschaut zu haben, obwohl man nur einen winzigen Ausschnitt vom anderen erfasst. Den anderen auf diesen Ausschnitt zu reduzieren, kann ihm nicht gerecht werden. Potenziale und Weiterentwicklungen bei Kollegen und Mitarbeitern werden so leicht übersehen.

Wir empfehlen deshalb, immer neue Modelle kennenzulernen und auf ihren Nutzen zu überprüfen. Dadurch steigt zum einen die Wahrscheinlichkeit, im entscheidenden Moment ein passendes Modell nutzen zu können. Zum anderen hilft die Kenntnis vielfältiger Modelle dabei, keines von ihnen zu überbewerten.

Drei Modelle, die wir zur Analyse oder Verdeutlichung von Konfliktursachen öfter einsetzen, stellen wir in den folgenden Wochen knapp vor. Um sie tiefergehend zu verstehen und einsetzen zu können, ist mindestens vertiefende Literatur dazu sinnvoll.

Was kommt auf Sie zu?

•    das Modell der vier Bestrebungen von Riemann und Thomann,
•    das Präferenzprofil auf Basis der Theorien von C. G. Jung
•    das Werte- und Entwicklungsquadrat nach F. Schulz von Thun

Wir hoffen, dass Sie sich darauf schon freuen. Vorab dürfen Sie schon einmal sinnieren: Wo sind Sie ’normaler‘ als alle anderen?

 

Lydia Girndt

 

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