Gegenläufige Bestrebungen – Konfliktpotenzial Unterschiedlichkeit (2)

Eine Ursache für Beziehungskonflikte kann sein, dass andere einfach anders sind. Das nervt! Das erste Modell, das wir hier zeigen, betrachtet unterschiedliche Bestrebungen und Bedürfnisse. Bevor Sie weiterlesen, erinnern Sie sich bitte an die Möglichkeiten und Grenzen von Modellen.

4 Grundstrebungen

Riemann-Thomann

Fritz Riemann hat über vier ‚Grundformen der Angst’ (Riemann, 1995) geschrieben, die – positiv und gesund formuliert – vier Grundstrebungen beinhalten. Christoph Thomann hat diese unterschiedlichen Bestrebungen auf Konfliktfälle im Beruf übertragen (Thomann, 2010: ‚Klärungshilfe 2‘).

 

Es handelt sich um das Bedürfnis

•    nach Nähe (z.B. zwischenmenschlicher Kontakt, Harmonie, Geborgenheit)
•    nach Distanz (z.B. Unabhängigkeit, Ruhe, Individualität)
•    nach Dauer (z.B. Ordnung, Regelmäßigkeiten, Kontrolle)
•    nach Wechsel (z.B. Abwechslung, Spontanität, Kreativität)

Das Bedürfnis nach Nähe und das nach Distanz bilden die Pole einer Dimension, während sich das Bedürfnis nach Wechsel und das nach Dauer auf der anderen Dimension gegenüber stehen.

Sowohl in der Konfliktklärung als auch in der Teamentwicklung oder im Einzelcoaching geht es uns nicht um die vermeintlich ‚richtige’ Einordnung der Teilnehmer in dieses Schema. Der große Nutzen liegt in der Diskussion, die hilft, eigene und fremde Reaktionsmuster besser zu verstehen und zu akzeptieren. Zunächst wollen wir die Bestrebungen jedoch beschreiben.

Menschen, die nach Nähe streben sind sehr kontaktfreudig und anpassungsfähig. Als ausgeprägte Teamplayer wirken sie harmonisierend, empathisch und verständnisvoll. Auf der anderen Seite sind diese Menschen oft konfliktscheu und wenig in der Lage, auch einmal ‚Nein’ zu sagen. Sie sehen dadurch die Beziehung in Gefahr, die ihnen so viel bedeutet.

Dem gegenüber stehen Menschen mit der Strebung nach Distanz. Sie können sich gut abgrenzen und tun gern Dinge allein. In der Regel haben sie keine Probleme damit, Entscheidungen zu treffen. Durch ihr hohes Bedürfnis nach Unabhängigkeit wirken Menschen mit der Tendenz zur Distanz auf ihre Mitmenschen eher hart, abweisend und unterkühlt. Sie wollen sicherstellen, dass ihnen niemand zu nahe kommt.

Menschen, die nach Dauer streben, können gut organisieren und sind sehr zuverlässig. Alles mögliche Unvorhergesehene kann dazwischen kommen, diese Menschen sind trotzdem pünktlich. Sie wollen das Vorhandene bewahren. Es fällt ihnen schwer, situativ zu handeln, da sie die Planung brauchen, um sich sicher zu fühlen.

Am anderen Pol stehen Menschen mit der Grundausrichtung nach Wechsel. Sie können gut improvisieren, haben immer neue Ideen, entdecken gerne Neues. An Regeln halten sie sich nur, wenn sie deren Sinn erkennen und für die gegebene Situation anerkennen. In ihrer Spontaneität dürfen Sie sie möglichst nicht einschränken.

Das Konfliktpotenzial in der Zusammenarbeit liegt auf der Hand. Personen, die stärker nach Wechsel streben, können Menschen mit der Grundbestrebung nach Dauer verrückt machen. Sie sind viel zu unzuverlässig und sprunghaft. Umgekehrt sind ‚Dauertypen’ für ‚Wechseltypen’ zu starr und unflexibel. Die Aussage: „So steht es in unserem Handbuch.“ ist für den einen das entscheidende Argument, für den anderen ist es gar kein Argument, denn er will wissen, warum das Vorgehen in diesem Fall sinnvoll ist.

Ähnlich konfliktbehaftet sind die Bestrebungen nach Nähe und Distanz. Während der eine sich mit immer mehr Einsatz um die Beziehung bemüht, schnürt es dem anderen immer mehr die Luft ab. Wenn der sich aber daraufhin zurückzieht, gerät der ‚Nähetyp’ immer stärker in Sorge.

Hier schlägt die irrige Annahme, dass wir selbst der Maßstab für ‚richtig’ und ‚falsch’ sind, voll zu Buche. Ohne diese Annahme wäre es leichter festzustellen, dass da zwei Leute mit unterschiedlichen Bedürfnissen aufeinander prallen, die man nur klären muss. Mit dieser Annahme verbindet sich eine Bewertung des anderen: „Dein Verhalten ist nicht akzeptabel. Du bist nicht in Ordnung, gestört, etc.“

Wahrscheinlich und hoffentlich stellen Sie fest, dass Sie nicht nur zu jeweils einer Seite tendieren. Alle Menschen haben zuweilen die Tendenz, sich zurückzuziehen oder andersherum die Nähe anderer Menschen zu suchen. Gesunde Menschen kennen alle vier Bestrebungen von sich. Normalerweise liegt uns allerdings die eine Bestrebung näher als die andere. Das wird besonders unter Druck deutlich. Die Einen verlassen sich nur noch auf sich selbst. Sie ziehen sich zurück, entwickeln Lösungen und ‚tauchen’ erst wieder auf, wenn sie eine klare Strategie erarbeitet haben. Die Anderen versammeln erst einmal andere Leute um sich und sagen: „Ich habe hier ein Problem – könnt ihr mir helfen?“.

Besonders aufschlussreich ist darüber hinaus das Feedback anderer, wie sie einen erleben. Die Diskussion darüber, wie einzelne Teammitglieder ticken, impliziert, dass es völlig in Ordnung ist, unterschiedlich zu ticken. Wir erleben immer wieder, dass das zu einem entspannteren, fröhlicheren Miteinander führt.

Wie ticken Sie und warum finden Sie Ihren Kollegen so seltsam?

 

Lydia Girndt

 

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