Der richtige Zeitpunkt: Konfliktklärung für Frühaufsteher (1)

Der frühe Vogel klärt den Konflikt

Eine häufige Frage, die uns Führungskräfte stellen, ist: Wann sollte man bei Konflikten eingreifen? Die kurze Antwort ist: So früh wie möglich, aber angemessen in der Art. Um die Form des Eingreifens kümmern wir uns in späteren Artikeln, doch so viel sei hier schon einmal gesagt: Je früher, desto geringer der Aufwand. Das liegt am Verlauf von Konflikten. Sie haben eine typische Eigendynamik: aus kleinen Spannungen werden handfeste Konflikte, die Konfliktparteien schaukeln sich gegenseitig hoch. Wenn nicht eingegriffen wird, kommt es zur Eskalation.

Stufen auf dem Weg in den Abgrund

Zwar verlaufen Konflikte je nach Individuum, Kultur, Kontext und Kompetenz unterschiedlich. Bestimmte Konfliktphasen, die von typischen Symptomen gekennzeichnet sind, lassen sich jedoch immer wieder erkennen. Die Konflikteskalationsstufen nach Friedrich Glasl stellen ein Modell zur Verfügung, um Konflikte besser analysieren und während ihres Verlaufes besser reagieren zu können. Wer sich mit den Eskalationsstufen auskennt, lernt schnell einzuschätzen, wo sich die Streitparteien in der Entwicklung des Konflikts befinden und kann angemessen reagieren.

Die neun Eskalationsstufen lassen sich in drei Hauptphasen unterteilen. Der Einfachheit halber gehen wir von zwei Konfliktparteien aus. In der ersten Ebene können beide Konfliktparteien noch gewinnen (Win ‐Win). Auf der Ebene werden die meisten Konflikte geklärt, wenn die Kultur wie im letzten beschrieben wertschätzend-konfrontativ gelebt wird. In der zweiten Ebene verliert eine Partei, während die andere gewinnt (win-lose) und in der dritten Ebene verlieren beide Parteien (Lose – Lose).

Win-Win Lösungen möglich

Stufe 1: Verhärtung
Die erste Stufe der Eskalation unterscheidet sich nur wenig von dem alltäglichen Umgang miteinander. Schließlich kommen gelegentliche Spannungen und gegensätzliche Erwartungen in jedem Team vor. Auf dieser Stufe finden normale Auseinandersetzungen statt, die aber nicht in die nächste Stufe übergehen. Hier lassen sich die Themen noch mit guter Gesprächsführung und aktivem Zuhören lösen. Erst wenn die Standpunkte sich verhärten, kommt es zur nächsten Stufe.

Stufe 2: Debatte, Polemik
In dieser Phase des Konflikts entstehen erste Anzeichen für ein Schwarz-Weiß-Denken. Die Konfliktparteien polarisieren zunehmend. Unstimmigkeiten werden offen angesprochen und bieten noch eine Chance zur Lösung – sofern das Problem konstruktiv angegangen wird. Andernfalls werden bei den Parteien bestimmte Verhaltensweisen fixiert, die eigentlich keinen besonderen Nutzen zur Bewältigung des Problems haben. Es geht darum, Spannung abzubauen und Überlegenheitskämpfe auszuführen, in denen jede Partei Recht behalten will.

Stufe 3: Taten statt Worte
In der dritten Stufe ziehen sich die Konfliktparteien zurück. Entscheidungen treffen sie im Alleingang, denn Gespräche haben offensichtlich zu keinem Erfolg geführt. Die Kommunikation bricht ab und das nonverbale Verhalten gewinnt an Überhand. Nun folgen Taten nach dem Motto: „Du wirst schon sehen, was du davon hast!“ Der Gegenseite sollen Stärke und Selbstsicherheit demonstriert werden.

Win-Lose Lösungen angestrebt

Stufe 4: Soziale Ausweitung
Durch die Suche der Parteien nach Anhängern, die gemeinsam die Gegenpartei bekämpfen, weitet sich das Konfliktgeschehen aus. Die Wahrnehmungsfähigkeit ist in dieser Eskalationsstufe schon so eingeschränkt, dass die Feindbilder zu selbsterfüllenden Prophezeiungen führen. Klischees, Imagekampagnen und Gerüchte verhärten die Positionen zusätzlich.

Stufe 5: Gesichtsverlust
Eine der Konfliktparteien provoziert einen öffentlichen Gesichtsverlust der anderen Partei, indem sie den „Gegner“ bloßstellt oder lächerlich macht. Der Gesichtsverlust ist ein eingreifendes und dramatisches Geschehen. Eine Partei erweckt den Eindruck und glaubt selbst, die andere Partei grundsätzlich durchschaut und in ihrem wahren Wesen erkannt zu haben. Der Gesichtsverlust zwingt die angegriffene Partei zum Kampf und ist in diesem Sinne der „point auf no return“. Diese Phase zieht eine weitere Beschleunigung des Konflikts nach sich. Während der Gegner verteufelt wird und ihm negative Wert- und Moralvorstellungen unterstellt werden, versucht sich die jeweils agierende Konfliktpartei selbst als Lichtgestalt zu präsentieren.

Stufe 6: Drohstrategien
Die Parteien versuchen jeweils, die Gesamtsituation unter Kontrolle zu bringen und die Gegenseite zum Nachgeben zu zwingen. Drohungen sollen dem Gegner die Anliegen deutlich machen und die eigene Macht sichern. Schließlich formulieren die Gegner mit ihren Drohungen nur noch Ultimaten: „Wenn nicht … – dann …“ Die Konsequenzen sollen der Gegenpartei möglichst keinen Ausweg lassen. Jede Partei verpflichtet sich durch ihre öffentliche Drohung samt Ultimatum und Sanktion, die Drohung im Anschluss wahr zu machen. Sonst würde sie die eigene Glaubwürdigkeit verlieren. So wird der Handlungsspielraum beider Konfliktbeteiligten weiter eingeschränkt und die nächste Phase eingeleitet.

Lose-Lose ‚Lösungen‘ akzeptiert

Stufe 7: Begrenzte Vernichtungsschläge
Die Schwelle zur siebten Eskalationsstufe wird überschritten, wenn die Konfliktpartner ihre Drohungen in die Tat umsetzen. Ab dieser Stufe ist beiden Parteien bewusst, dass es nichts mehr zu gewinnen gibt (lose-lose). Entscheidend ist nur noch, ob der Verlust auf der gegnerischen Seite größer als der eigene Schaden ist. Die Gegner trauen sich jetzt gegenseitig alles zu.

Stufe 8: Zersplitterung
Ab jetzt geht es Schlag auf Gegenschlag. Mit der Erhöhung der Dosis wächst auch der Schaden. Auf dieser Stufe werden Zerstörungsaktionen geplant und durchgeführt. Mit Hilfe bewusster Taktiken der Täuschung und Lüge wollen die Gegner einander empfindlich schaden – und fühlen sich dabei moralisch voll im Recht. Es geht noch nicht um die totale Vernichtung, aber um Ausschaltung. Die Gegenpartei soll persönlich verletzt werden. Beleidigungen erschweren die Aussicht auf eine Versöhnung. Die Umkehr der Werte ins Gegenteil bewirkt, dass ein relativ kleiner eigener Schaden jetzt als Gewinn gesehen wird.

Stufe 9: Gemeinsam in den Abgrund
Nun gibt es keinen Weg mehr zurück! Mindestens eine der beiden Konfliktparteien ist jetzt bereit, bis zum Äußersten zu gehen, um den Gegner endgültig zu vernichten.
Die totale Konfrontation führt in die Vernichtung, bis zur Lust am gemeinsamen Untergang. Damit ist gemeint, dass nicht vor Selbstvernichtung gescheut wird, wenn nur der Gegner auch mit in den Abgrund gerissen wird. Die gute Nachricht ist jedoch: solche Extreme sind eher die Ausnahme als die Regel.

Schon in diesem Modell wird deutlich, wie sinnvoll es ist, Konflikte schon in der Entstehungsphase anzupacken. Im nächsten Artikel zeigen wir Ihnen noch ein weiteres Modell, das helfen kann, die Dramatik von Konflikten richtig einzuschätzen und die passende Intervention abzuleiten.

Wo sortieren Sie die aktuellen Konflikte ein, über die die Medien berichten? Und wo stehen die Konflikte in Ihrer Nachbarschaft und Ihrem Unternehmen?

 

Lydia Girndt

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

css.php