Zuhören – eine selten geübte Kunst (1)

Gute Zuhörer bekommen gewöhnlich viel zu hören, denn ihnen erzählt man gerne. Was macht aber gutes Zuhören aus? Dass jemand mir gut zugehört hat, kann ich sehr leicht daran erkennen, dass er mich verstanden hat – und genau da ist der Haken. Wie frühere Artikel gezeigt haben, ist es keineswegs selbstverständlich, dass Menschen einander verstehen. Von den Grundprozessen der Kommunikation Kodieren, Übermitteln und Dekodieren, ist es der dritte Schritt, den ein Zuhörer beherrschen muss: die Entschlüsselung des Gesagten. Wenn wirkliches Verstehen stattfinden soll, erfordert das Zuhören unter anderem hohe Aufmerksamkeit und ein starkes Einlassen auf den Gesprächspartner. Zuhören ist also anstrengend, aber das ist nicht der einzige Grund dafür, dass wir so häufig aneinander vorbei reden.

(Zu)Hör-Fehler Falsche Ziele:

Wenn es einem nicht darum geht, den Gesprächspartner zu verstehen, kann das auch nicht gelingen. Was wie eine Binsenweisheit klingt, ist tatsächlich einer unserer häufigsten Zuhör-Fehler und einer der Hauptgründe für endlose, fruchtlose Diskussionen.

Ein typisches Fehlziel ist: Wir wollen nicht verstehen, sondern verstanden werden und überzeugen. Die Konsequenz ist, dass wir, während ein anderer spricht, Stichworte aufschnappen, unsere Gedanken dazu sortieren, Argumente zurechtlegen, um in der nächsten Atempause des Gegenübers sofort wieder selber loszulegen. In der Sprache der Theorie: Statt zu dekodieren, kodieren wir schon wieder. Der andere fühlt sich, zu Recht, nicht verstanden und spielt das gleiche Spiel. In Extremform ist dieses Vorgehen in vielen TV-„Diskussionen“ zu beobachten, bei denen die Teilnehmer auf die erwarteten Stichworte hin nur noch ihre geplante Argumentation abspulen, ohne wirklich auf die anderen einzugehen.

Ein weiteres Ziel, das uns vom Zuhören abhalten kann, ist der Wunsch nach Bestätigung. Da es unbequem ist, die eigene Vorstellungswelt zu verändern, richten wir unsere Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Aussagen, die unser Bild vom anderen oder von der Welt bestätigen. Wenn keine Aussage eindeutig in die „richtige“ Richtung geht, interpretieren wir sie gerne entsprechend um. Leider ist uns dieses Vorgehen meist nicht bewusst, sodass wir selbst im Anschluss überzeugt sind, zugehört zu haben.

(Zu)Hör-Fehler Schubladen-Denken:

Wir brauchen Schemata im Alltag, in die wir unsere Wahrnehmungen einordnen, damit wir schnell reagieren können. Mit der komplexen Wirklichkeit können wir nur umgehen, indem wir sie auf diese Weise vereinfacht wahrnehmen. Problematisch wird das erst dann, wenn wir diese Schemata oder Schubladen mit der Wirklichkeit verwechseln und deshalb als die einzig mögliche Denkweise betrachten. Um den anderen verstehen zu können, müssen wir uns in seine Denkwelt hineinversetzen. Das ist ohnehin nicht einfach, aber wenn wir unsere Vorstellungswelt als die einzig mögliche betrachten, ist es unmöglich. Zum Zuhören gehört die Bereitschaft, die Schubladen im eigenen Kopf zu öffnen und ihren Inhalt in Frage stellen zu lassen – auch die Schublade, in die wir den anderen gesteckt haben.

(Zu)Hör-Fehler Konzentrationsmangel:

Da intensives Zuhören hohe Aufmerksamkeit erfordert, brauchen wir dafür Konzentration. Die ist aber gewöhnlich eingeschränkt, wenn wir übermüdet sind oder uns andere Dinge allzu sehr beschäftigen. Wir nicken vielleicht ab und zu automatisch oder sagen höflich „Ja, stimmt“, aber unsere Gedanken schweifen immer wieder ab. Wichtige Gespräche brauchen Rahmenbedingungen, die die Konzentration fördern.

Echtes Zuhören zielt auf Verstehen. Das gelingt immer dann nicht, wenn wir nicht bereit oder in der Lage sind, für eine Weile den Standpunkt des anderen einzunehmen – ohne ihn zwangsläufig übernehmen zu müssen. Alle Zuhör-Fehler haben gemeinsam, dass uns das nicht gelingt. Wir bleiben stattdessen bei uns und unserer Perspektive.

Es geht besser

Besseres Zuhören ist möglich. Wie? Dafür schauen Sie am besten nächste Woche wieder vorbei.

Was haben Sie verstanden?

 

Lydia Girndt

 

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