Kommunikations-Zustände: Hör mal, wer da spricht (1)

Ein Modell aus der Transaktions-Analyse

„Das Bild mit den Kreisen fand ich besonders hilfreich“, erklärte eine Workshopteilnehmerin am Abend im Feedback. Das Gespräch war auf die schwierige Kommunikation mit einem Kunden gekommen, der sich anschließend bei dem Vorgesetzten beschwert hatte. Schnell war deutlich geworden, dass dort bestimmte Muster abgelaufen waren, die sich besonders gut mit dem Modell der Transaktions-Analyse verstehen ließen. Nach den Grundannahmen von Watzlawick und den vier Seiten einer Nachricht nach Schulz von Thun, ist es eine dritte Herangehensweise zur Analyse seltsamer Gesprächssituationen, die wir hier vorstellen möchten.

Die Transaktions-Analyse wurde von dem Psychiater Eric Berne als therapeutisches Verfahren auf Grundlage der Psychoanalyse entwickelt. Wir sind keine Therapeuten und unsere Kunden nicht unsere Patienten. Es wäre weder dem Verfahren noch dem Unternehmensalltag angemessen, es hier ausführlich darstellen zu wollen. Allerdings enthält es ein praktisches Modell der zwischenmenschlichen Kommunikation, das sich nützlich auf den Alltag beziehen lässt. Die Nützlichkeit und Nachvollziehbarkeit hat dazu geführt, dass sich sein Einsatz heute auf viele Bereiche außerhalb des therapeutischen Zusammenhangs erstreckt. Zur Bekanntheit in Deutschland hat unter anderem das Buch „Ich bin o.k. – Du bist o.k.“ von Thomas A. Harris beigetragen, das Lesern zu empfehlen ist, die sich dem Thema ausführlicher widmen wollen. Eine knappe, allgemein verständliche Darstellung bietet Eric Berne selbst in seinem Buch „Spiele der Erwachsenen“.

Den Begriff „Transaktion“ kennen wir vor allem aus der Finanzwelt. Eric Berne spricht von Transaktion, wenn auf einen „Transaktions-Stimulus“ eine „Transaktions-Reaktion“ folgt. Das klingt kompliziert, meint aber nur, was wir im ersten Kapitel bereits beschrieben haben: Jemand nimmt von jemand anderem verbal oder nicht-verbal Notiz und dieser andere reagiert darauf in irgendeiner Form.

Drei Ich-Zustände und ihre Bedeutung

Menschen agieren und reagieren im transaktionsanalytischen Modell immer aus einem von drei Ich-Zuständen: dem Eltern-Ich (EL), dem Erwachsenen-Ich (ER) oder dem Kindheits-Ich (K).

Ich-Zustände der Transaktionsanalyse

Eltern-Ich (EL): Im Eltern-Ich-Zustand geben wir „Weisheiten“ von uns oder vertreten Überzeugungen, die wir nicht an der Realität geprüft haben. Es handelt sich um früh gespeicherte Regeln, Verbote, Ermahnungen und Sprüche sowie Verhaltensweisen damals wichtiger Bezugspersonen. Der Seufzer „Früher war alles besser“ z.B. kommt auch Menschen über die Lippen, die bei kurzem Nachdenken schnell die Absurdität eines solchen Spruchs bemerken würden.

Kindheits-Ich (K): Das Kindheits-Ich ist ebenfalls ein prinzipiell sinnvolles Relikt aus früheren Zeiten, ein Zustand, in den wir manchmal als Erwachsene verfallen. Während im Eltern-Ich-Zustand die Aufzeichnungen früherer äußerer Ereignisse zum Tragen kommen, sind im Kindheits-Ich die inneren Reaktionen darauf gespeichert. Es werden in diesem Zustand Hilflosigkeit, Angst, Zorn, aber auch Kreativität, Neugierde und Abenteuerlust empfunden, die damals wie heute der Situation nicht unbedingt angemessen sein müssen.

Erwachsenen-Ich (ER): Der Begriff Erwachsenen-Ich ist ein etwas verwirrender Begriff, da man nicht erst als Erwachsener zu diesem Zustand fähig ist. Das Erwachsenen-Ich sammelt Informationen über die Wirklichkeit, gleicht sie mit der gefühlten Lebenswirklichkeit des Kindheits-Ichs und der angelernten Wirklichkeit des Eltern-Ichs ab und zieht daraus eigenständige Schlüsse. Mit seinem Erwachsenen-Ich hat das Kind erkannt, dass Objekte weiter existieren, wenn es sie nicht mehr sieht oder dass im Weihnachtsmann-Kostüm Onkel Paul steckt. Aus dem Zustand des Erwachsenen-Ichs fragen wir z.B. sachlich nach der Uhrzeit, wägen ab, was noch zu tun ist und erstellen einen sinnvollen Plan.

Besonders spannend wird das Ganze dadurch, dass wir innerhalb eines Gesprächs mehrmals den Zustand ändern können, aus dem wir gerade handeln. Schematisch hat es sich durchgesetzt, dieses Modell wie in unserer Grafik mit drei Kreisen darzustellen.

Wenn zwei oder mehr Personen aufeinander treffen und miteinander kommunizieren, kann es zu komplementären oder überkreuzten Transaktionen kommen, je nachdem aus welchen Zuständen die Parteien gerade handeln.

Flüssiges Gespräch durch komplementäre Transaktionen

Transaktionsanalyse komplementär

Flüssig ist die Kommunikation, wenn das Gegenüber aus der erwarteten Ebene reagiert. Es handelt sich dann um komplementäre Transaktionen, d.h. die Reaktion passt zur Aktion. Die jeweiligen parallelen Pfeile gehören zusammen. Hier ist nur ein Teil der Möglichkeiten dargestellt.

Wenn sich zwei 40jährige Partygäste einmütig darüber unterhalten, wie seltsam sich manche andere Gäste benehmen oder kleiden und wie wenig man den Politikern heutzutage trauen kann, dann kann dieses Gespräch stundenlang ungestört so geführt werden, denn beide kommunizieren, wie sie es in diesem Fall erwarten, auf der Eltern-Ebene, auf der sie selbstverständlich wissen, wie man sich zu benehmen und zu kleiden hat. Zwei Jugendliche, die ein Erdkunde-Referat vorbereiten und sich sachlich austauschen, was sie dabei im Internet recherchiert haben, bewegen sich genauso ungestört auf der Erwachsenen-Ebene wie ein Projektleiter und ein Mitarbeiter, die sachlich klären, zu wie viel Prozent eine Aufgabe bereits erledigt ist. Bei komplementären Transaktionen gerät zunächst niemand ins Stolpern, obwohl die Ebenen für die Situation unangemessen sein können.

Verwirrung durch Überkreuz-Transaktionen

Ins Stocken gerät die Kommunikation, wenn die Reaktion aus einer anderen Ebene kommt als erwartet:

Transaktions kreuzWenn sich der Projektleiter sachlich nach dem Status einer Teilaufgabe erkundigt und der Mitarbeiter bricht in Tränen aus oder reagiert trotzig und patzig, dann entsprechen sich die Ebenen nicht. Entweder die Kommunikation wird an dieser Stelle erst einmal abgebrochen oder einer der beiden wechselt die Ebenen. In diesem Beispiel liegt es relativ nahe für den Projektleiter in den Eltern-Ich-Zustand zu wechseln. Er fordert dann entweder streng, dass der Mitarbeiter seine Aufgaben gefälligst erfüllt oder nimmt ihm tröstend einen Teil der Last ab und bürdet sie einem anderen auf, mit dem der Umgang einfacher ist. Er kann aber auch auf der Erwachsenen-Ebene bleiben und sachlich nach Gründen fragen und gemeinsam einen neuen zeitlichen Rahmen stecken.

Verdeckte Transaktionen

Verdeckte Transaktionen finden dann statt, wenn z.B. scheinbar auf den Erwachsenen-Ebene gesprochen wird, unterschwellig aber z.B. von der Eltern- zur Kindheits-Ebene kommuniziert wird. Die verdeckte Ebene wird über die erwähnten nonverbalen Kanäle vermittelt. So kann sich z.B. mit der scheinbar sachlichen Frage nach dem Aufgabenstatus ein nörgelnder Tonfall, eine tadelnde Mimik oder eine bedrohliche Körperhaltung verbinden.

Aber was kann man mit diesem Modell in der Praxis anfangen? Dazu mehr im nächsten Artikel – oder in Ihren Kommentaren.

 

Lydia Girndt

 

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