Fragetechnik (3): Gemeinsam Neues entdecken – der Nutzen offener Fragen

Geschlossene Fragen sind zur Gesprächssteuerung besser als ihr Ruf, deshalb haben sie einen eigenen Artikel bekommen. Jetzt aber zu den viel gepriesenen offenen Fragen.

Offene Fragen werden auch „W-Fragen“ genannt, da sie zumeist mit einem Fragewort (wer, was, wann, wie, warum, wie viel, woher etc.) beginnen. Die Antworten auf offene Fragen sind länger als die auf geschlossene Fragen. Mit dieser Frageform laden Sie Ihr Gegenüber ein, sich intensiv mit einer Sache auseinanderzusetzen und sich eigene Gedanken zu Lösungsvorschlägen zu machen. In der Regel erfährt man durch offene Fragen mehr als durch geschlossene. Sie fördern die freie Meinungsäußerung, Diskussion und Kreativität.

Beispiele für offene Fragen

  • Sach- und Informationsfragen (Was meinen Sie dazu? / Was wissen Sie darüber?) Mit ihnen bringen sie neue sachliche Aspekte in das Gespräch.
  • Steuerungsfragen (Wie haben Sie das in der anderen Abteilung gelöst?) Sie ermöglichen zum Beispiel das Umlenken von der Problemanalyse zur Lösungssuche.
  • Projektive Fragen (Was denken Sie, würde Herr Meier dazu sagen?). Dieser Fragetyp verlagert die Antwort auf eine dritte Person und ermöglicht so einen Perspektivwechsel und eine Horizonterweiterung.
  • Gegenfragen (Wie würden Sie selbst das Problem angehen? / Was wollen Sie mit dieser Frage erreichen?). Sie sind vor allem dann angemessen, wenn Sie den Gesprächspartner zu mehr Eigenverantwortung anregen möchten oder wenn das Gefühl aufkommt, dass hinter der Frage etwas anderes steckt als das ehrliche Interesse an einer Antwort.

Um nach bestimmten Aspekten der Meinung Ihres Gegenübers zu fragen, können Sie verschiedene Wertfragen nutzen: Fragen Sie nach Prioritäten (Was halten Sie für besonders wichtig?) oder nach Gründen (Warum, glauben Sie, ist das so?), nach Ergänzungen (Was, denken Sie, spielt außerdem noch eine Rolle) oder Vorschlägen (Was sind Ihre Ideen dazu?) um neue Aspekte, Blickwinkel und Lösungsmöglichkeiten zu finden. Auch möglich sind Umkehrfragen (Was müssen wir tun, um unsere besten Mitarbeiter zu verlieren?): Sie fragen nach dem Gegenteil dessen, was man erreichen will. Die Antworten darauf geben Aufschlüsse, was auf jeden Fall zu vermeiden ist und können zu kreativen Ideen führen, was stattdessen zu tun ist.

Ernst gemeinte Fragen haben einen motivierenden Nebeneffekt, weil sie Wertschätzung gegenüber der Meinung des Gesprächspartners ausdrücken. Ist das Interesse allerdings nur geheuchelt, um den Gesprächspartner zu motivieren, so ist der gegenteilige Effekt zu erwarten. Meist spüren die Empfänger der Frage das an den nonverbalen Signalen des Senders oder spätestens an den Reaktionen auf ihre Antwort. Als der Fragende haben Sie sowohl große Macht als auch eine ebenso große Verpflichtung gegenüber dem Gesprächsklima und ihrem Gesprächspartner.

Wie lassen sich Stolpersteine vermeiden?

  • Fragen wertfrei stellen: Hinweise darauf, was Sie gern hören würden, führen leicht zu entsprechenden Antworten. Sie erfahren nicht, was Ihr Gegenüber tatsächlich denkt.
  • Fragen knapp und klar formulieren und eine Frage zur Zeit stellen. Sonst müssen Sie damit rechnen, dass Ihr Gegenüber am Ende Ihrer Frage den ersten Teil schon wieder vergessen hat oder nur die einfacheren, unwichtigeren Fragen beantwortet.
  • Zeit für die Antwort lassen: Nur so können Sie eine durchdachte Antwort bekommen, die nicht nur aus Allgemeinplätzen und Floskeln oder gar aus falschen Informationen besteht.
  • Sich die eigene Reaktion auf die Frage vorstellen. Dadurch lässt sich erspüren, wie angemessen die Frage ist.

Dabei lohnt es sich, die gesamte Gesprächssituation in den Blick zu nehmen. Haben Sie genügend eigene Redeanteile, in denen Sie Informationen und persönliche Einschätzungen platzieren können oder hat Ihr „Gespräch“ gerade eher die Eigenschaften eines unbequemen Verhörs?

Grenzen von Fragen

Fragen sind keine Anweisungen. Täglich erfahren das tausende von Eltern, deren kleine Kinder mit „nein“ auf eine Frage wie „Räumst du bitte die Autos weg?“ antworten. Erwachsene haben es häufig gelernt, Fragen Ihrer Chefs oder Partners als Anweisungen zu verstehen. Klare Kommunikation ist das allerdings nicht und dieses Kommunikationsmuster birgt die Gefahr, dass tatsächliche Fragen nicht mehr als solche verstanden werden. Wenn Sie klare Erwartungen an andere haben, trägt es zur Transparenz und Eindeutigkeit bei, diese auch als klare Erwartungen zu äußern. Fragen verlieren da ihren Sinn, wo Sie die Antwort nicht interessiert.
Ernst gemeinte Fragen dagegen erfordern im zweiten Schritt gutes Zuhören und aus dem Gehörten lassen sich gute neue Fragen ableiten. Dazu später mehr.

Was werden Sie an Ihrer Gesprächsführung jetzt ändern?

 

Lydia Girndt

 

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