Eindeutig mehrdeutig: Vier Seiten nach Schulz von Thun (1)

Wie kann die schlichte Aussage „Die Listen sind noch immer nicht überarbeitet“ zu einem Streit unter Kollegen führt? Warum kann die Feststellung, dass der Mülleimer voll ist, einen Ehekrach auslösen? Auf rein sachlicher Ebene passen die Reaktionen häufig nicht zu dem, was gesagt wurde. Es ist eben keine Botschaft rein sachlicher Natur, sondern sie lässt sich auf verschiedenen Ebenen deuten. Diese schlichte Tatsache führt zu zahlreichen Konflikten und Missverständnissen. Nach den Grundannahmen von Watzlawick stellen wir hier das Modell der vier Seiten einer Nachricht vor. Es kann sowohl zu einer klareren Kommunikation beitragen als auch zur Ursachenanalyse dienen und so die Konfliktlösung vorantreiben.

Der Hintergrund des Modells

In den 1970er Jahren untersuchte der Kommunikationswissenschaftler Friedemann Schulz von Thun die Ursachen kommunikativer Konflikte und entwickelte daraufhin das Vier-Seiten-Modell. Ziel des Modells ist es, psychologisch bedeutsame Vorgänge eines Gesprächs wie auch Fallstricke in der Kommunikation anschaulich zu machen. Aufgrund seiner hohen Praxisrelevanz wird das Modell heute im sozialen und wirtschaftlichen Bereich gleichermaßen eingesetzt und selbst schon im Deutschunterricht an einigen Schulen gelehrt. Über die vielen Kanäle der Nachrichtenübermittlung werden mit jeder Nachricht vier verschiedene Arten von Botschaften übermittelt: die Sachbotschaft, die Selbstoffenbarungsbotschaft, die Beziehungsbotschaft und ein Appell. Der Empfänger entscheidet, auf welche Ebene er reagiert und so kann es zu den eben beschriebenen, scheinbar unlogischen, Folgen kommen. Ausführlich beschreibt Schulz von Thun dieses Modell in seinem Buch „Miteinander Reden“, Band 1.

Die vier Seiten

Die Sachbotschaft ist der Teil der Nachricht, in dem Fakten benannt werden. Damit der Empfänger die Sachbotschaft in Ihrem Sinne aufnehmen kann, ist es wichtig, dass die Nachricht klar und einfach aufgebaut ist. Verschachtelte Sätze, wie auch eine undeutliche und unpräzise Sprache, erschweren das Verständnis. In sachlichen Gesprächen sollen Informationen und Argumenten ausgetauscht werden, die anderen drei Seiten der Nachricht sollten sich also nicht in den Vordergrund drängen. Es bieten sich zwei gegensätzliche Strategien an. wenn andere Aspekte der Kommunikation drohen, die Sachorientierung eines Gesprächs zu unterlaufen. Zum einen haben wir die Möglichkeit, diese Anteile zurückzuweisen. Mit einem deutlichen „Das gehört nicht hierher.“ können wir das Gespräch auf die Sachebene zurückführen. Wie schon von Watzlawick festgestellt, können aber insbesondere Beziehungsaspekte zu Scheingefechten auf der Sachebene führen. In dem Fall ist es sinnvoll, die störenden Themen zunächst zu klären, damit Sachlichkeit überhaupt wieder möglich ist.

Auf der Seite der Selbstoffenbarung werden Informationen darüber übermittelt, was im Inneren des Senders vor sich geht und wie seine Persönlichkeit einzuschätzen ist. Oft versuchen Menschen, diesen Aspekt zu verdecken oder verändert darzustellen. Dabei spielen Angst vor Missbilligung oder der Wunsch „eine gute Figur zu machen“ eine Rolle. Je weniger wir allerdings von uns zeigen, desto mehr Interpretationsspielraum lassen wir dem Gegenüber, während eine größere Offenheit auf dieser Ebene Verständnis und häufig Sympathie fördert.

Die Beziehungsseite vermittelt sich durch die Art und Weise, wie die Nachricht – durch Formulierung, Tonfall, Gestik, Mimik und Haltung – übermittelt wird. Die außerordentlich große Bedeutung, die dieser Seite der Nachricht zukommt, ist leicht nachvollziehbar. Die Frage, wie man miteinander umgeht und sich gegenseitig behandelt, wirkt sich auf Arbeits- und Betriebsklima aus. Die Beziehungsseite der Nachricht bringt zwei verschiedene Aspekte zum Ausdruck: zum einen gibt sie Hinweise darauf, wie der Sender den Empfänger sieht, zum anderen zeigt sie die Auffassung des Senders darüber, wie der Empfänger und er zueinander stehen. Sie enthält also eine Du-Botschaft und eine Wir-Botschaft.

Mit der vierten enthaltenen Botschaft, dem Appell, nimmt der Sender Einfluss auf den Empfänger und versucht ihn dazu zu veranlassen, bestimmte Dinge zu tun, nicht zu tun, zu denken oder zu fühlen. Auch diese Seite der Nachricht kann mehr oder weniger versteckt sein. Bei einem versteckten Einflussversuch sprechen wir von Manipulation. Dabei werden auch die anderen Seiten der Nachricht für den Appell benutzt: Die Sachebene ist einseitig, mit der Selbstdarstellung wird auf eine bestimmte Wirkung abgezielt (z.B. Mitleid erregen, überzeugt erscheinen), selbst die Beziehungsebene wird in den Dienst des Appells gestellt, indem das Gegenüber beispielsweise durch Komplimente „bei Laune gehalten“ wird. Ein offener Appell hat dagegen den Vorteil, dass durch ihn klar dargestellt wird, was getan werden soll. Allerdings beinhaltet er aber auch das Risiko der Ablehnung.

Sender und Empfänger

Der Sender einer spontanen Nachricht durchdenkt nicht vorher alle vier Seiten. Der reine Wortlaut umfasst häufig eine Sachaussage („Es regnet schon wieder“), kann aber auch eine direkte Selbstoffenbarung („Ich bin müde“), eine Beziehungsaussage („Ich arbeite gerne mit Ihnen zusammen“) oder ein Appell („Schließen Sie bitte die Tür“) sein. Es ist darüber hinaus die ausdrückliche Kommunikation auf mehreren Ebenen möglich, z.B.: „Bitte fassen Sie sich kurz, ich bin müde.“ Der Sender einer Nachricht hat quasi vier „Schnäbel“, von denen er einen oder mehrere zur Übermittlung seiner Botschaft nutzt. Die nicht ausdrücklich benannten Seiten werden durch Tonfall, Gestik, Mimik, durch den Zusammenhang und die Situation vermittelt.

Einfach wäre die Kommunikation, wenn der Empfänger genau das wahrnehmen würde, was der Sender sagt bzw. meint. Wir haben aber schon deutlich gemacht, dass nach der Übermittlung der Nachricht noch die Dekodierung folgt. Ebenso wie auf der Seite des Senders lassen sich auch auf Empfängerseite vier Ebenen unterscheiden, die Schulz von Thun die „vier Ohren“ nennt. Analog zu den „vier Schnäbeln“ des Senders nimmt der Empfänger der Nachricht sie mit „vier Ohren“ wahr, nämlich dem Sachohr, dem Selbstoffenbarungsohr, dem Beziehungsohr und dem Appellohr. Die Seiten, die nicht explizit vom Sender benannt wurden, schlussfolgert der Empfänger aus den anderen Übermittlungskanälen, aus dem Kontext und aus seinen eigenen Erfahrungen. Auf welche der vier Seiten er reagiert, entscheidet der Empfänger. Aus der Feststellung des Kollegen, dass bestimmte Listen nicht überarbeitet sind, kann der Empfänger heraushören, dass der Kollege zu bequem dazu ist, das zu übernehmen (Selbstoffenbarung), dass der Kollege glaubt, er könne ihm das delegieren (Beziehung), und dass er sich aus Sicht des Kollegen schnell darum kümmern soll (Appell). Vielleicht meinte der Kollege in Wirklichkeit, dass es ihm leid tut, dass er noch nicht dazu gekommen ist oder er möchte klären, wie notwendig das eigentlich ist.

Häufig hören wir nicht mit allen Ohren zu. Es gibt Seiten der Nachricht, auf die wir typischerweise hören und reagieren. Typische Kommunikationsstile beschreibt Schulz von Thun im zweiten Band von „Miteinander Reden“.

Ist beispielsweise nur das Sachohr offen, so können zwischenmenschliche Differenzen, die die Kommunikation behindern, möglicherweise nicht ausgeräumt werden. Mit dem Selbstoffenbarungsohr versuchen wir zu hören, warum jemand etwas sagt, was seine persönlichen Motive sind, genau dieses genau jetzt in genau dieser Art und Weise zu sagen. Das Selbstoffenbarungsohr richtet sich also vollkommen auf das Gegenüber und lässt gegebenenfalls die Nachricht am Empfänger abprallen. Der Vorwurf: „Das sagst du ja nur, weil du…“ hält die Aussage beim Sender. Der sachliche Gehalt der Aussage wird nicht gewürdigt, sondern als Begleiterscheinung abgetan. In schwierigen Beziehungen konzentriert sich der Empfänger häufig ausschließlich auf die Beziehungsseite der Nachricht und reagiert darauf sehr sensibel. Menschen, die ausschließlich mit ihrem Beziehungsohr hören, beziehen alles auf sich persönlich und können ein Gespräch nicht auf einer rein sachlichen oder neutralen Ebene belassen. So kann aus einem einfachen „Tschüß, bis morgen!“ ein „Ich freue mich darauf, dich morgen zu sehen.“ oder ein „Gott sei Dank bin ich den bis morgen erstmal los!“ werden. Menschen, die hauptsächlich mit dem Appellohr hören, sind beständig auf der Suche nach den unausgesprochenen Wünschen und Bedürfnisses ihres Gegenübers. Die einfache Frage, ob es Kaffee gibt, wird in eine Aufforderung, jetzt sofort einen Kaffee zu kochen, umgedeutet. Dieses Verhalten kann schnell aufdringlich wirken und dem Gegenüber das Gefühl geben, dem eigentlichen Gespräch werde nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt.

Wofür ist dieses Modell wichtig? In einer Kommunikationssituation sind wir uns ohne Vorwissen der verschiedenen Ebenen der Nachricht meist nicht bewusst. Wir empfangen ein Gesamtpaket, das wir auch als solches verarbeiten. Das kann gut funktionieren, wenn die einzelnen Teile der Nachricht gut zusammenpassen und sich nicht widersprechen. In dem Moment aber, in dem einzelne Aspekte der Nachricht „aus dem Rahmen fallen“ und wir sie nicht in die Botschaft integrieren können, die wir empfangen, wird es zu Kommunikationsproblemen zwischen Sender und Empfänger kommen. Missverständnisse und schlimmstenfalls ein Abbruch der Kommunikation sind die Folge. Wie kann man dem entgegenwirken? Wenn wir uns über die verschiedenen Seiten einer Nachricht im Klaren sind, können wir die Anteile herausfinden, an denen die Kommunikation zu scheitern droht. Ist vielleicht die Beziehungsebene nicht klar? Passt der Selbstoffenbarungsaspekt nicht zum Appell, weil unser Gegenüber eigentlich von der Sache nicht überzeugt ist? Mit dem Modell im Hinterkopf muss die Kommunikation nicht mehr an einem gewissen Maß des Unwohlseins und des Unverständnisses abbrechen, sondern kann an diesem Punkt gezielt und klärungsorientiert weitergeführt werden. Auf der Seite des Empfängers kann mit dem Wissen um die „vier Ohren des Empfängers“ ebenfalls Missverständnissen entgegengewirkt werden, indem darauf geachtet wird, alle Ohren für alle Seiten der Nachricht offen zu haben.

 

Lydia Girndt

 

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