Chefs binden: Führung und Arbeitszeit

In der vergangenen Woche haben wir beschrieben, welche Bedeutung moderne Führung für die Mitarbeiterbindung hat. Aber auch für die Führungskraft müssen die Bedingungen attraktiv sein, damit sich überhaupt junge Menschen in solche Positionen begeben und dem Unternehmen dann dort erhalten bleiben.

Die Rollen der modernen Führungskraft sind zwar vielfältig, lassen sich aber idealerweise auf mehr als zwei Schultern verteilen. Wie sieht es dann mit der Arbeitszeit aus? Sollte und muss eine Führungskraft ganztags, fünf oder auch sechs Tage die Woche zur Verfügung stehen?
Dies hängt von mehreren Faktoren ab. Die beiden wesentlichen sind die qualitative Bandbreite der Führungsriege und dessen Unterbau sowie die Akzeptanz anderer Modelle in der Belegschaft.
Die traditionellen zeitlichen Erwartungen, die mit dem Begriff Führung einhergehen, sind ständige Präsenz und Erreichbarkeit sowie immer ein paar Stunden mehr zu arbeiten als die anderen. Führung und Teilzeit sind nach herkömmlichem Führungsbegriff nicht miteinander vereinbar.

Führung in reduzierter Vollzeit

Führung in reduzierter Vollzeit ist ein moderner Führungsbegriff, der es ermöglicht, den zeitgemäßen Anforderungen von Beruf und Familie gerecht zu werden. ‚In reduzierter Vollzeit’ bedeutet nichts anderes als Teilzeit. Der Begriff hört sich nur erträglicher an, solange wir Arbeitsmasse und Stresslevel mit Wichtigkeit und Wertigkeit einer Person gleichsetzen. Er ist im Sinne von Leistungserbringung positiver besetzt.

Wie auch immer man das Kind nennt, die Frage bleibt: Geht das? Ausgehend von der Annahme, dass einer Führungskraft in der Regel eine Vielzahl von Aufgabenfeldern zugeordnet sind, gilt es zu eruieren, welche dieser Aufgabenfelder unabdingbare Kernbereiche der Führung sind. Häufig reduzieren sich die Felder auf eine überschaubare Anzahl. Zentral sind zumeist Mitarbeiter- und Zielvereinbarungsgespräche, Kommunikation und Information sowie Steuerung und Planung von Personal und Arbeitsorganisation. Alle übrigen Bereiche können delegiert werden. Voraussetzung für eine effektiv umsetzbare Delegation ist natürlich ein qualifiziertes Umfeld, das in der Lage ist, die Aufgabenbereiche zielführend zu übernehmen und umzusetzen. Gerade da liegt häufig ein Problem, denn man hat ja die beste Fachkraft zur Führungskraft gemacht. In dem Fall muss sie die Mitarbeiter erst einmal befähigen, ihr mehr abzunehmen. Dafür muss sie zunächst mehr Zeit aufwenden und Fehler auf dem Weg zur Expertise tolerieren. Sonst bedeutet reduzierte Vollzeit nur weitere Arbeitsverdichtung.

Idealerweise definiert nicht die Führungsebene alleine den Führungsbegriff neu. Die bestmögliche Durchdringung erfährt dieses Vorhaben, wenn neben den Führungskräften sowohl die Personalverantwortlichen wie auch der Betriebsrat hinzugezogen werden.

Akzeptanz durch die Mitarbeiter

Auch in den Köpfen vieler Mitarbeiter herrscht noch die lang erlernte Einstellung vor, dass eine Führungskraft länger als alle anderen im Dienst zu sein hat. Hier ist frühzeitige und klare Kommunikation und Diskussion auf allen Ebenen im Unternehmen angebracht. Erst, wenn die Belegschaft Familienfreundlichkeit auch für die Führungsriege als berechtigten Anspruch anerkennt, kann die Neudefinition des Führungsbegriffes auch gelebt werden. Die Einbeziehung aller beteiligten Parteien ist wichtig, um eine allgemeingültige Akzeptanz der reduzierten Vollzeit zu gewährleisten.

Selbstverantwortung der Führungskraft

Viele Führungskräfte sind auch deshalb in ihre Position gekommen, weil sie die Selbstausbeutung so gut beherrschen. Dauerhaft tun sie damit sich und dem Unternehmen keinen Gefallen. Denn nicht nur die Mitarbeiter benötigen, um dauerhaft effektiv arbeiten zu können, eine ausgeglichene Lebensbalance. Auch Führungskräfte sind Menschen. Hier sind innovative Instrumente und mutige Umdenk-Prozesse gefragt, damit sich Führungsverantwortung und Familienverantwortung nicht ausschließen.

Modernisierte Führung

Fassen wir diesen und den vorangegangenen Artikel einmal knapp zusammen: Moderne Führungskräfte nutzen das Team – den unterschiedlichen Horizont von Jüngeren und Älteren, die unterschiedlichen Perspektiven von Frauen und Männern sowie das vielfältig Wissen bei unterschiedlichem fachlichen Hintergrund. Der patriarchalische Einzelkämpfer hat ausgedient. Eine effektive Führungskraft versteht sich als Wegbereiter für selbstmotivierte Mitarbeiter und Kollegen. Sie ist gefordert, genau zu beobachten und den Mitarbeiter, seine Gedanken, Wünsche, Vorstellungen und Hoffnungen zu verstehen. Spaß an der Arbeit, Anerkennung und gut funktionierende Teams sind im Allgemeinen nachhaltigere Motivatoren als hohe Gehälter und Incentives. Persönlichkeits-, Sozial- und Methodenkompetenzen werden in Zukunft aus unserer Sicht weiter an Bedeutung gewinnen. Schließlich lohnt es sich zu überlegen, wie Führung auch in reduzierter Vollzeit gelingen kann – und wie dies erfolgreich strukturiert und kommuniziert werden kann.

Halten Sie die Teilzeit-Führung für umsetzbar?

 

Lydia Girndt

 

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