Was ist Mobbing? (2)

Was Mobbing grundsätzlich ist und dass Führungskräfte es auf keinen Fall ignorieren dürfen, ist hoffentlich im letzten Artikel deutlich geworden. Im heutigen Artikel geht es um Ausprägungen von Mobbing: Was ist Mobbing konkret?

Ausprägungen von Mobbing

In den 1980er Jahren entwickelte der Arbeitspsychologe Heinz Leymann einen Katalog von Mobbinghandlungen um hierauf seine Forschung über Verbreitung und Folgen von Mobbing zu stützen. Allein daran, dass er sie in fünf übergeordnete Kategorien einteilte zeigt, wie unterschiedlich sich Mobbing äußern kann. Es handelt sich um eine Kategorisierung, nicht um eine Aufzählung, die vollständig vorkommen muss. Leymann beschreibt

Angriffe auf
• die Möglichkeit sich mitzuteilen,
• die sozialen Beziehungen,
• das soziale Ansehen,
• die Qualität der Lebens- und Berufssituation und
• die Gesundheit.

Angriffe auf die Möglichkeit sich zu äußern gehen von ständigen Unterbrechungen über Beschneidung der Informationswege bis zur Kontaktverweigerungen. Auch die Androhung von negativen Konsequenzen, falls der Betroffene sich äußert, gehört dazu. E-Mails verschwinden auf mysteriöse Art, für Gespräche findet sich leider kein Termin und man beschränkt sich auf den Schriftverkehr.

Angriffe auf die sozialen Beziehungen können darin bestehen, dass mit dem Mobbingopfer nicht mehr gesprochen wird, der Betreffende ignoriert oder mit seinem Arbeitsplatz in den letzten Winkel des Gebäudes versetzt wird, wo er nichts mehr mitbekommt. Wenn die Person den Raum betritt, schweigen plötzlich alle oder verlassen ihn sogar. Menschen haben zwar unterschiedlich Motive, aber das Anschlussmotiv gilt als universell: Menschen wollen dazugehören. Isolation ist schwer zu ertragen.

Häufig sind die Angriffe auf soziale Beziehungen verknüpft mit Angriffen auf das soziale Ansehen. Wenn erfolgreich rufschädigende Gerüchte gestreut werden, beginnen auch bislang unbeteiligte Kollegen auszuweichen. Mit einem so problematischen oder problembeladenen Menschen wollen sie nicht in Verbindung gebracht werden. Er hat zum Beispiel überhaupt keine Ahnung von seiner Arbeit, die ‚falsche‘ sexuelle Orientierung, wurde wegen einer Jüngeren verlassen und kommt nicht darüber hinweg, hat eine Essstörung, die ‚falsche‘ politische Einstellung oder religiöse Überzeugung. Für das Mobbing-Opfer ist es zusätzlich schmerzlich, dass die ‚Mitläufer’ die vermeintlichen Wahrheiten ungeprüft hinnehmen. Eigenarten wie eine bestimmte Art zu gehen oder zu sprechen werden imitiert, das Opfer lächerlich gemacht. Arbeitsergebnisse werden abgewertet und dem Opfer werden kränkende Arbeiten zugeteilt. Entscheidungen und Urteilskraft des Mobbing-Opfers werden in Frage gestellt. Das muss natürlich nicht alles auf einmal passieren, aber ein Ausschnitt davon reicht schon.

Auch Angriffe auf die Berufs- und Lebenswelt umfassen Mobbing-Handlungen, die mit den bereits beschriebenen zusammenhängen können. Wenn jemand sowieso nicht mehr vernünftig arbeitet, kann man ihm ja auch sinnlose Aufgaben geben oder am besten gar keine mehr. Eine Alternative dazu ist, immer neue unlösbare Aufgaben zu stellen, bei denen das Mobbing-Opfer täglich seine ‚Unfähigkeit‘ unter Beweis stellt.

Angriffe auf die Gesundheit umfassen tatsächliche körperliche Angriff, aber auch entsprechende Drohungen. Das kann zum Beispiel ein Tritt vor das Schienbein sein, der Zwang zu gesundheitsschädlichen Arbeiten oder sexuelle Gewalt.

Wir möchten noch einmal klarstellen: Aus der Tatsache, dass es zum Beispiel keine Angriffe auf die Gesundheit gibt, lässt sich nicht ableiten, dass es kein Mobbing gibt. Hier wird nur die Vielfalt der möglichen Handlungen angerissen. Wie kann es aber sein, dass sich jemand sogar offensichtliche Straftaten gefallen lässt? Schon die Androhung einer Klage würde oft reichen, um das Mobbing zu unterbinden. Schließlich weiß der Mobbing-Täter meist sehr genau, dass er nicht nur unmoralisch handelt, sondern tatsächlich eine Straftat begeht. Eine Erklärung wäre, dass die Mobbing-Opfer mittlerweile so demoralisiert und in der eigenen Hilflosigkeit gefangen sind, dass sie tatsächliche Handlungsmöglichkeiten nicht mehr erkennen oder dafür nicht mehr den Kampfgeist aufbringen.

Ein zentrales Problem für die Betroffenen ist die soziale Isolierung und die Stigmatisierung, die sie erleben. Die Gruppe der Mobbing-Täter wächst über die Zeit. Hinzu kommen diejenigen, die selbst nicht feindselig handeln, aber durch konsequentes Nicht-Reagieren dem Opfer jede Hoffnung auf Unterstützung nehmen.

Mobbingphasen

Ähnlich wie Konflikt-Verläufe werden Mobbing-Verläufe als Stufen oder Phasen beschrieben. Auch hier greifen wir die Beschreibungen von Leymann auf.

In der ersten Phase herrscht eine gereizte Stimmung durch einen unbearbeiteten oder ungelösten Konflikt. Hier ist noch alles im grünen Bereich. Man könnte mit konstruktiven Klärungsansätzen zu vernünftigen Lösungen kommen. Das kann zwar eine Trennung oder Umpositionierung einschließen, aber auch das kann fair gestaltet werden. Mobbing wäre unnötig. Es entsteht, weil es entstehen darf. Es wird zugelassen.

In der zweiten Phase spielt das ursprüngliche Konfliktthema eine immer kleinere Rolle. Ein Mobbingopfer bildet sich heraus, über das psychologische und soziale Mythen verbreitet werden. Mindestens wird die es als „anstrengende, schwierige Person“ stigmatisiert. Erste Stresssymptome machen sich bemerkbar, die sich in Krankschreibungen und verändertem Verhalten am Arbeitsplatz äußern können. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass wir seltsames oder ungünstiges Verhalten bei uns wenig bekannten oder wenig sympathischen Personen ihrem Charakter zuschreiben. Zeigen uns sympathische Personen das gleiche Verhalten, so muss es an der Situation, den Umständen, den anderen Personen liegen. Ist das Mobbingopfer erst einmal erfolgreich stigmatisiert, so hat es auch bei den anderen Kollegen kaum noch eine Chance.

Wenn es schließlich zu offensichtlich aggressivem Verhalten der Täter und zu Rechtsbrüchen kommt, ist es schon völlig klar, wo das Problem liegt. Die gemobbte Person ist mittlerweile isoliert, tendenziell häufiger krank, zieht sich zurück oder reagiert ‚hysterisch‘. Unsicherheit und die körperliche Symptome führen zu verminderter Leistung und Fehlern, die wiederum neue Angriffe befeuern. Ärzten und Therapeuten werden oft vorrangig aufgesucht, um die körperlichen Symptome der extremen Stresssituation zu bekämpfen.

Schließlich wird das Problem gelöst, indem es sich selbst aus dem Weg räumt oder aus dem Weg geräumt wird. Die Betroffenen werden aus der Arbeitswelt ausgeschlossen, entweder durch eigene Kündigung, langfristige Krankschreibung, Freistellung oder der Versetzung innerhalb des Unternehmens, häufig aufs Abstellgleis. Selbst wenn der Arbeitgeber das Verhalten der Täter kritisch sieht, ist es doch bei einem so schwierigen Kollegen nicht ganz unverständlich.

Betrachten wir diesen Verlauf, so drängt sich die Parallele zum Konfliktverlauf geradezu auf: Je früher eingegriffen wird, desto wahrscheinlicher und einfacher ist eine befriedigende Lösung

 

Lydia Girndt

 

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